Zwischen Damals und Jetzt

Identitätsfindung im Expat-Leben in Japan

von Dr. Nicolas Dermota - Klinischer Psychologe, Psychotherapeut - REFUGIUM Tokyo

Migranten gehen bei ihrer versuchten Akkulturation in Japan durch verschiedene emotionale Phasen. Dies stellt einen erheblichen Unterschied zu voruebergehenden Besuchen dar und ist somit nicht mit den kurzen Aufenthalten von Touristen zu verwechseln. Denn das Land macht bei einem ersten und kurzfristigen Aufenthalt meist einen sehr einladenden Eindruck, und Japan hat sich gerade vermutlich auch deshalb zurzeit zu einer äußerst beliebten Touristendestination entwickelt. Es fasziniert weiters durch seine Exotik und aufregende kulturelle Vielfältigkeit. Selbst Menschen im mittleren Alter, die oft glauben, bereits alles gesehen zu haben, vermag Japan durch seine Einzigartigkeit immer wieder in Erstaunen zu versetzen.

Vom Touristen zum Langzeitexpat

Wenn es dann allerdings darum geht, sich hier niederzulassen und tragfähige interkulturelle Netzwerke aufzubauen, schaut die Situation wiederum völlig anders aus. Der sich hier niederlassende Ausländer, Expat bzw. wie er im Volksmund genannt wird, der Gaijin, sieht sich mit einer psychisch durchaus herausfordernden Aufgabe konfrontiert. Er möchte sich auf die japanische Kultur vollends einlassen, sich mit ihr verbinden und tragfähige Beziehungen aufbauen. Dabei kommen ihm allerdings oft der japanische Way of Life (das sich vollkommene Widmen der Arbeit bzw. der Kernfamilie) und der Umstand, dass die japanische Gesellschaft zu den Low-Mobility-Kulturen gehört (Beziehungen werden also eher in früheren Lebensstadien gebildet), in die Quere.

Die Folge sind häufig psychische Krisen oder auch Identitätskrisen. Etwas, das idealerweise mit Mental-Health-Professionellen, die den hiesigen Alltag von Ausländern in Japan kennen, weil sie selbst hier lange genug gelebt haben und somit mit den potenziellen Stolpersteinen der mentalen Entwicklung vertraut sind, besprochen werden sollte.

Warum kulturelles Verständnis in der Therapie wichtig ist

Online-Mental-Health-Angebote stehen zwar mittlerweile ausreichend zur Verfügung. Therapeuten, welche allerdings nie die hiesige Lebensrealität von Langzeitexpats oder Migranten selbst erleben konnten, werden nur eingeschränkt Hilfe leisten können. Ihnen fehlt das fundierte Verstaendnis der hiesigen, tagtaeglichen Herausforderungen. Die Wahl der richtigen professionellen Hilfe kann somit in vielen Fällen den entscheidenden Unterschied machen und Klienten vor Ort die richtige, allzu notwendige Unterstützung geben.

Expat-Psychotherapie bzw. -Counseling in Japan bedeutet darueber hinaus immer auch ein Arbeiten an Fragen der Identitätsfindung, neben den üblichen Symptombehandlungen von Ängsten, Depressionen oder auch Suchtproblematiken. Ein Sich-Einlassen auf die neue kulturelle Realitaet mit all ihren Herausforderungen ist hierbei genauso Teil des Prozesses wie das Verarbeiten der eigenen Einstellung zur Ursprungskultur. Man bewegt sich sozusagen zwischen Damals und Jetzt.

Der dritte Raum: Zwischen Herkunft und neuer Heimat

Im Idealfall eröffnet dies irgendwann einen neuen, einen dritten identitätsspezifischen Raum, den man sozusagen das erweiterte Selbst nennen kann. Der Weg dorthin jedoch ist aufregend und für manche eben oft auch „zu aufregend“, was sich dann in Form von psychischen Krisen, aufreibenden Fragen zur eigenen Identität oder in Form von konkreten Angststörungen oder Depressionen äußern kann.

Interessierten, welche mich ueber das hiesige Leben und seine spezifischen Herausforderungen fragen, sage ich manchmal: „Nehmen Sie alles, was Sie bisher gekannt haben, und stellen Sie es auf den Kopf. Dann haben Sie die japanische Expat-Lebensrealität.“

Das hiesige Dasein wirft für den Langzeitexpat somit enorm viele Fragen auf. Fragen, die einen zum einen psychisch gehörig herausfordern können. Gleichzeitig bleibt das alltägliche Leben hier dadurch allerdings auch nach vielen Jahren immer noch aufregend. Man ertappt sich selbst nach zig in Japan gelebten Jahren immer wieder beim Staunen. Die Reise hört nie auf.

Dr. Nicolas Dermota befasst sich mit psychischen Krisen und Fragen der Identitätsfindung im Rahmen des Migrationsprozesses. Er ist offizieller Vertrauenspsychologe der österreichischen Botschaft in Tokio, hat seine Dissertation ebenfalls zum Thema der psychischen Gesundheit von Gaijin in Japan verfasst und lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Japan.

Expertisenschwerpunkt: Interkulturelle Dynamiken und Identität

Weitere Informationen zu Psychotherapie und Counseling in Japan finden Sie unter folgendem Link: https://refugiumtokyo.com/counselingandpsychotherapy

Next
Next

Credit Card Payments Available at Refugium Tokyo Starting June