Geborgen in Harmonie – oder allein hinter höflichen Fassaden?
Japanische Gesellschaftswerte in der Psychotherapie mit Expats und Migranten
Von Dr. Nicolas Dermota – Klinischer Psychologe und Psychotherapeut
(German original)
Ich erinnere mich noch gut an eine Situation vor einigen Jahren in einer Tokioer U-Bahnstation, als ich mit einem anderen Ausländer (Gaijin) vor dem Ticket Gate stand und wir beide mit unermüdlich japanisch anmutenden Gesten darin wetteiferten, den anderen zuerst durch die Barriere zu lassen. Die Szene war wirklich skurril, kam mir wie eine Ewigkeit vor und am Ende dachte ich mir: „Das kann doch nicht wahr sein, das war nun wahrlich zu viel des Guten. Bei aller Japanisierung muss ich mich nun doch wieder ein bisschen meiner kulturellen Wurzeln besinnen.“
Japanische Gesellschaftswerte und damit verbundene Umgangsformen sind einzigartig. Sie machen unter anderem die Schönheit und Anmut dieses Landes aus. Für viele sind sie faszinierend und inspirierend zugleich. Doch wozu dienen sie eigentlich? Worin besteht ihr Zweck? Und hier lässt sich gleich einmal feststellen, dass es sich im weitesten Sinne um ein System handelt, welches Ruhe und Ordnung aufrechterhalten soll.
Es soll das sogenannte Wa (和) garantieren, eine Harmonie zwischen den Mitmenschen, welche sowohl in der ureigenen Religion, dem Shintoismus, eingehend propagiert wird als auch darüber hinaus einen praktischen, im japanischen Alltag zentralen Interaktionsfaktor darstellt: nämlich weder einen selbst noch – vermutlich in noch größerem Ausmaße – das Gegenüber unter irgendwelchen Umständen durch Respektlosigkeit das Gesicht verlieren zu lassen.
Die dies sicherstellenden Verhaltensnormen wie Enryo (遠慮), welches das Herunterspielen der eigenen Fähigkeiten und Errungenschaften darstellt, oder auch Giri (義理), ein Mindset, welches die eigene Verschuldung beim Gegenüber bzw. Dankbarkeit anderen gegenüber in den Vordergrund rückt, sind im täglichen Leben allgegenwärtig beobachtbar. Ebenso formen Seken (世間), die Sorge, wie einen andere im öffentlichen Raum wohl beurteilen könnten, oder Nemawashi (根回し), das Abstimmen von Entscheidungen innerhalb der Gruppe, das Miteinander und stellen neben zahlreichen anderen Faktoren sicher, dass das Wohl der Gemeinschaft gegenüber den individuellen Vorlieben hochgehalten wird.
Die beruhigende Wirkung klarer Spielregeln
Einer meiner Klienten meinte hierzu einmal während einer Sitzung: „Ich schätze dieses Klima hier. Man fühlt sich einfach sicherer. In den USA habe ich immer das Gefühl, dass jegliche Interaktion nur einen Schritt weit von einer Eskalation entfernt ist.“ Dort gilt die Maxime: „Entweder bist Du einer von uns oder Du bist gegen uns.“ „Japan hingegen hat mir gezeigt, dass mein Bedürfnis nach Harmonie okay ist. Denn genau das ist es, was hier tagtäglich gelebt wird.“
Wer länger in Japan lebt, kennt diese Erleichterung, die ein weitgehend geregeltes öffentliches Miteinander mit sich bringen kann. Man bemüht sich, andere nicht zu belästigen. Unmut wird häufig zurückgehalten. Offene Konfrontationen werden möglichst vermieden.
Für viele Expats gehört genau das zu den großen Vorzügen des Landes. Der Alltag erscheint weniger aufgeladen und sicherer. Man muss nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit mit einer persönlichen Auseinandersetzung rechnen. Dementsprechend kann man auch die in vielen anderen Ländern dieser Welt häufig erlebte, notwendige Bereitschaft, plötzlich reagieren bzw. sich abgrenzen zu müssen, weitgehend herunterfahren.
Wenn Höflichkeit keinen Halt mehr gibt
Wobei man allerdings auch die Kehrseite der Medaille beleuchten sollte. Eine andere Klientin meinte nämlich wiederum: „Ich ertrinke hier förmlich in Anonymität. Nirgends ergibt sich eine echte Interaktion, noch habe ich annähernd eine Vorstellung davon, was in den Köpfen der Leute hier tatsächlich vorgeht. Möglicherweise stelle ich für alle hier eher eine Belastung dar und sollte wieder nach Deutschland zurückgehen.“ Als Psychologe und Psychotherapeut in Tokio begegne ich auch dieser Seite der Erfahrung regelmaessig.
Diese Klientin braucht in ihrer gegenwärtigen Verfassung mehr als einen korrekten Umgang. Sie braucht erkennbare persönliche Anteilnahme, Resonanz. Eine Antwort, die ihr vermittelt: Ich verstehe, wie es Dir geht. Ich bin da. Stattdessen erlebt sie Zurückhaltung.
Frank A. Johnson beschreibt in seinem Buch Dependency and Japanese Socialisation interessanterweise hierzu, dass aus japanischer Sicht meist davon ausgegangen werde, dass auch unter einer restriktierten Verhaltensweise starke Emotionen präsent sein können. Etwas, das für viele Ausländer nicht unmittelbar erkennbar ist oder angenommen wird.
Vielleicht wollte ihr Gegenüber nicht aufdringlich sein. Vielleicht fehlten die Worte. Vielleicht bestand auch tatsächlich wenig Bereitschaft zu Nähe. Aber gerade das konnte sie nicht unterscheiden. Und wer ohnehin verunsichert ist, kann beginnen, jede Begegnung auf versteckte Botschaften zu prüfen. War das freundlich gemeint? Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich willkommen oder werde ich lediglich geduldet?
Wir brauchen ein Gegenüber, das uns erreicht
Heinz Kohut, der bekannte Wiener Psychoanalytiker, hat in seiner Theorie der Selbstpsychologie beschrieben, welche Bedeutung Beziehungen für ein stabiles Selbsterleben haben. Menschen brauchen generell Erfahrungen, in denen sie sich wahrgenommen, verstanden und verbunden fühlen. Solche Beziehungen übernehmen sogenannte Selbstobjektfunktionen: Sie helfen uns, Selbstwert, innere Ruhe und das Gefühl des eigenen Zusammenhalts aufrechtzuerhalten.
Das betrifft keineswegs nur Menschen mit einer narzisstischen Störung. Es gehört zu unserem menschlichen Bedürfnis nach Beziehung. In einem fremden Umfeld, wie es Japan bzw. Tokio darstellt, können vertraute Zeichen dieser Verbundenheit allerdings fehlen. Oder sie sind vorhanden, werden aber nicht als solche erkannt.
Dann fehlt nicht unbedingt der Kontakt. Es fehlt die spürbare Antwort. Gerade in einer psychischen Krise kann das einen erheblichen Unterschied machen. Was in stabilen Zeiten als angenehme Diskretion erlebt wird, kann daher in einer verletzlichen Phase wie eine verschlossene Tür wirken.
Ein zweischneidiges Schwert
Japanische Umgangsnormen können somit beides ermöglichen: Schutz vor überwältigender Konfrontation und die schmerzhafte Erfahrung emotionaler Unerreichbarkeit.
In der Psychotherapie mit Migranten und Expats in Japan müssen solche Erfahrungen daher Platz haben. Ein vorschnelles „So ist die japanische Kultur eben“ hilft wenig, wenn jemand sich zunehmend verliert. Umgekehrt wäre es ebenso verfehlt, jede indirekte Kommunikation als ungesund zu betrachten und stärkere Direktheit bzw. Transparenz zur Lösung zu erklären.
Die entscheidende Frage für jeden Einzelnen lautet deshalb: Wie kann ich mich in diesem fremden Umfeld sicher und zugleich wahrgenommen bzw. verbunden fühlen? Wie viel Höflichkeit benötige ich und wie viel „Greifbarkeit“ meines Gegenübers?
Eine weitere Frage kann vermutlich lauten: Wie viele japanische Kommunikationsformen bzw. Wertvorstellungen übernehme ich selbst in meinem Umgang mit anderen? Winke ich den anderen Gaijin mit einer kurzen Geste durch die U-Bahnbarriere oder veranstalte ich ein Feuerwerk der Ehrerbietung und Höflichkeiten? Wichtige Fragen zu Selbstregulation und Identität. Bereiche, die jeder Expat bzw. Migrant im Laufe der Zeit wohl irgendwann für sich selbst entscheiden muss.
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